PORTRÄT
Feuer und Flamme für Radioaktivität
Nuklearforscherin Annalisa Manera will weniger Emotionen rund um Kernenergie. Dass sie mit dieser Haltung zuweilen aneckt, nimmt sie gelassen.

Überzeugt, dass Kerntechnikerinnen und Kerntechniker noch lange gefragt sein werden: Professorin für Nukleare Sicherheit und Mehrphasenströmungen an der ETH Zürich Annalisa Manera. Foto: Maurice Haas
«Ich bin radioaktiv. Sie sind radioaktiv. Unser Essen ist radioaktiv!» Annalisa Manera wirft all ihr italienisches Temperament in die Argumentation mit ein. «Radioaktivität kommt in der Natur vor. Aber die meisten können Radioaktivität nicht beurteilen. So lässt sich Angst schüren», sagt die Nuklearforscherin am Paul-Scherrer-Institut (PSI) und Professorin für Reaktorsicherheit und Mehrphasenströmungen an der ETH Zürich mit Nachdruck. Dann bringt sie ein eingängiges Beispiel: «Das Fukushima-Wasser, das seit zwei Jahren ins Meer abgeleitet wird, versetzt alle in Aufruhr. Würden Sie vier Liter davon trinken, hätten Sie dieselbe Strahlendosis aufgenommen wie mit dem Verzehr einer einzigen Banane!»
Die Forscherin tritt in den Medien immer wieder klar für die Nutzung der Kernenergie ein. Hohe Radioaktivität sei gefährlich, ja – aber auch nützlich. In der Medizin helfe sie, Tumorzellen zu zerschlagen, in der Energieversorgung leiste sie einen wichtigen Beitrag zur Dekarbonisierung unseres Strommixes. Manera holt aus: Natürlich gehe es ihr nicht darum, die Risiken zu leugnen, sondern darum, zu lernen, mit ihnen umzugehen. «Doch leider ist die Kernenergie ein hochpolarisiertes Thema», so die Wissenschaftlerin. «Und ich finde es schade, dass man darüber nicht auf einer rationalen Ebene sprechen kann. Es gibt einfach keine Energiequelle ohne Abfälle – und keine, deren Risiko absolut null beträgt.»
Maneras Haltung ruft immer wieder heftige Kritik hervor. Man rät ihr schon mal spöttisch, Atommüll doch im eigenen Garten zu deponieren. Sie nimmt es gelassen: «Wer so argumentiert, zeigt, dass er sich nicht für Fakten interessiert.» Sei jemand wirklich an einer faktenbasierten Diskussion interessiert ist, finde sie das immer interessant, «auch wenn unsere Meinungen auseinandergehen». Als Wissenschaftlerin sei sie es gewohnt, infrage gestellt zu werden. «Da ich in einem männerdominierten Bereich studiert und gearbeitet habe, als es politische Korrektheit noch nicht gab, musste ich früh lernen, Kritik oder unfreundliche Kommentare nicht persönlich zu nehmen.»
Erste Frau in Reaktorphysik
Annalisa Manera, 1974 im italienischen Bari geboren, ist Professorin für Nukleare Sicherheit und Mehrphasenströmungen an der ETH Zürich und leitet dort sowie am Paul-Scherrer-Institut eine Forschungsgruppe in den Bereichen Thermohydraulik und Fluiddynamik. Sie studierte Kerntechnik in Pisa und promovierte an der TU Delft als erste Frau in Reaktorphysik.
Zehn Jahre lang lehrte und forschte sie an der University of Michigan in den USA, bevor sie 2021 in die Schweiz zurückkehrte. Ihre Schwerpunkte liegen in der Wärmeübertragung und der nuklearen Sicherheit, mit Anwendungen von Mikroreaktoren über kleine modulare Reaktoren bis hin zu grossen Reaktoren. 2023 wurde sie für ihre Beiträge zur Thermohydraulik zur Fellow der American Nuclear Society ernannt, 2024 zum ordentlichen Mitglied der Schweizerischen Akademie der Technischen Wissenschaften gewählt.
Panik statt Vernunft nach Tschernobyl
Die 51-Jährige wirkt, als hätte sie die physikalischen Gesetze der Zeit für sich selbst ausgehebelt: beinahe alterslos. Da sind die geröteten Wangen, erhitzt vom Unverständnis für Radioaktivität. Der ungezähmte Lockenkopf, wie frisch über einem physikalischen Rätsel gerauft. Vor allem aber sind es die Neugier und der Entdeckerdrang, die in ihren Augen funkeln, wenn sie spricht – die Freude daran, die Welt und ihre Rätsel zu entschlüsseln. Hinter den harten Debatten bleibt sie vor allem eines: eine Forscherin, die begreifen will.
Sie erinnert sich noch gut an ihre erste Zeit des Entdeckens: Als radioaktive Wolken aus Tschernobyl über Europa ziehen, lebt Annalisa in Süditalien – gerade einmal zwölf Jahre alt. Das Kind kann die Strahlung mit seinen Sinnen nicht wahrnehmen. Niemand kann das: Man sieht, hört, riecht und schmeckt sie nicht.
Sehr wohl aber bemerkt Manera, wie sich kalte Panik zwischen den Menschen breitmacht: am Küchentisch, im Fernsehen, in der Schule. Sie aber hat keine Angst, sie will verstehen. Während Gleichaltrige jeden Schnipsel ihrer Popgruppen sammeln, stapeln sich in Annalisas Jugendzimmer Bücher über Wissenschaftler wie Erwin Schrödinger oder Albert Einstein. Sie träumt vom Physikstudium und entdeckt, dass sogar unser Herz radioaktive Strahlung besitzt. Was anderen Menschen Angst macht, zieht Manera gerade an: das Unsichtbare. «Ich lernte die Welt neu kennen. Sie besteht aus kleinsten Teilchen. Licht breitet sich in Wellen aus. Mit mathematischen Gleichungen können wir beschreiben und verstehen, was uns umgibt. Und doch birgt die Welt unendlich viele Geheimnisse, die wir nicht direkt wahrnehmen können.»
Theoretische Physik war ihr Traum, doch die Aussichten auf eine Karriere in diesem Bereich waren ihr zu ungewiss. Also entschied sich Manera für das Ingenieurwesen. Sie suchte darin die Nähe zur Physik und fand sie am ehesten in der Kerntechnik. «Je mehr ich über Kernenergie lernte, desto mehr wurde mir bewusst, wie viele Fehlinformationen über diese Technologie kursieren und wie wichtig sie für einen dekarbonisierten Energiemix sein kann.»
Weniger Strahlung dank nuklearem Raumschiff
Heute lehrt sie neben ihrer Forschungstätigkeit am PSI und an der ETH Zürich im Masterstudiengang Kernenergie. Dort müssen verschiedene Disziplinen zusammengedacht werden: von Neutronik über Strömungsund Thermohydraulik bis hin zu Material- und Kernphysik. Das Interesse am Studiengang sei derzeit überraschend gross. Zum Glück: «Noch lange werden Kerntechnikerinnen und Kerntechniker gefragt sein», ist Manera überzeugt. Sogar wenn keine neuen Reaktoren mehr gebaut werden, braucht es Fachleute – für den sicheren Betrieb der bestehenden Werke, den Rückbau, die Abfalllagerung, für die Aufsichtsbehörde Ensi und in der Medizin. Und sie betont: «Solange andere Länder weiter auf Kernenergie setzen, sollten wir uns auch einfach nicht abhängen lassen.»
Radioaktivität kennt keine Landesgrenzen. Die natürlichen radioaktiven Stoffe entstanden einst in explodierenden Sternen; ein Teil davon wurde bei der Entstehung der Erde in ihr eingeschlossen. Kein Wunder also, dass Annalisa Manera ihren Blick auch nach oben richtet: ins All. «Eine bemannte Marsmission wird ohne Nuklearenergie kaum möglich sein», sagt sie zu ihrem neusten Forschungsprojekt. Gemeinsam mit der Europäischen Weltraumagentur Esa und dem PSI arbeitet sie daran, Kernenergie für künftige Missionen zum Mars nutzbar zu machen. Denn die Reise dorthin ist weit; mit konventionellem Antrieb dauert sie doppelt so lange wie mit Nuklearantrieb. «Je länger die Astronauten unterwegs sind, desto stärker sind sie der kosmischen Strahlung ausgesetzt. Durch die Verkürzung der Flugdauer lässt sich die Dosis deutlich verringern», erklärt Manera.
Zudem könne Kernenergie später eine Marskolonie rund um die Uhr mit Strom versorgen. Gefragt ist dabei ihr Fachwissen zur Wärmeübertragung. Im All müssen Systeme passiv funktionieren – ohne Pumpen, ohne Strom, ohne Eingriffe von Menschen, möglichst einfach und robust. In Schweizer Reaktoren wird mit zirkulierendem Wasser gekühlt. Doch in der Schwerelosigkeit versagt die natürliche Zirkulation von Flüssigkeiten, wie wir sie von der Erde kennen. «Genau daran forschen wir», sagt Manera. Ihre Gruppe untersucht Flüssigmetall- Wärmerohre, sogenannte Heatpipes, in denen flüssige Metalle auch im All zirkulieren und Wärme abführen können.
Würde die Expertin für nukleare Sicherheit mit zum Mars fliegen? Manera winkt ab. «Nein! Ich bin das Gegenteil eines Adrenalin-Junkies. Lieber wandern und Klavier spielen.» Sie gehe Risiken aus dem Weg. Nur eine Angst kann sie nicht aushebeln: «Dass ich eines Tages nicht da sein könnte, wenn mich mein Kind braucht.» Doch daraus erwächst zugleich ein Teil ihrer Motivation: Auch für die nächsten Generationen forscht Manera – mit dem Blick darauf, was das Unsichtbare bewirken oder anrichten kann. In einer Zeit, die nach uns kommt.