Migrationsbias
Nicht alle müssen sich gleich stark integrieren
In der Deutschschweiz sind die Erwartungen an die als ausländisch wahrgenommene Bevölkerung höher als an den Rest der Menschen im Land.

Schweizerischer als schweizerisch: Punkto lokales gesellschaftliches Engagement und Einhalten der Prinzipien der Verfassung soll das die als ausländisch wahrgenommene Bevölkerung sein. | Foto: Sabina Bobst / Keystone
Wird von Personen, die als ausländisch betrachtet werden, mehr Integration erwartet als von der übrigen Bevölkerung? Stefan Manser- Egli und Philipp Lutz vom Nationalen Forschungsschwerpunkt «On the move» haben dieses Phänomen gemessen. Ihre Studie zeigt einen Migrationsbias in der Deutschschweiz, den es in der Romandie nicht gibt.
Tausend Personen, die nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen aufgeteilt wurden, beantworteten zwölf Fragen zu gesellschaftlichen Normen. Die erste Gruppe bewertete, für wie wichtig sie diese «für Menschen generell» halten. Die zweite bewertete, wie wichtig sie ihnen bei sogenannten Ausländerinnen und Ausländern sind. Die Begrifflichkeit wurde extra so gewählt, weil sie im öffentlichen Diskurs dominiert. Die Befragten in der Deutschschweiz hatten teilweise höhere Erwartungen an Letztere als an die übrige Bevölkerung. Dies insbesondere bei den Punkten lokales gesellschaftliches Engagement und Einhalten der Prinzipien der Verfassung. Der Bias ist zwar nicht sehr ausgeprägt, einige Prozentgrössen aber statistisch signifikant.
In der Romandie spielt diese Voreingenommenheit dagegen kaum eine Rolle. Wenn es um Religion, Arbeit und Gleichstellung geht, sind die Erwartungen an die Gesellschaft allgemein sogar höher als an die als ausländisch wahrgenommene Bevölkerung. Die Originalität der Forschungsarbeit liegt jedoch in der Methodik. Qualitative Untersuchungen hatten bereits gezeigt, dass der Diskurs über Integration systematisch auf die sogenannte ausländische Bevölkerung abzielt, während er die Mehrheitsbevölkerung ignoriert. Diese Hypothese war jedoch noch nie durch eine quantitative empirische Studie überprüft worden.
«Wir würden das Experiment gerne in den Niederlanden wiederholen, wo der Integrationsdiskurs ebenfalls heftig geführt wird. Wir möchten prüfen, ob der beobachtete Migrationsbias über die Grenzen hinausgeht», erklärt Stefan Manser-Egli, der aktuell an der Universität Amsterdam arbeitet. Für ihn wirft das Ergebnis die Frage auf: «Wenn das Konzept der Integration zu Doppelstandards führt, sollten wir dann nicht universelle Normen bevorzugen, die für alle gelten?»