Trotz Erschöpfung beschützt der Hirtenhund seine Herde weiter und weiter. Inmitten des Wolfsterritoriums bedeutet seine Wachsamkeit Leben oder Tod. | Foto: Tristan de Soye

Ein zottiges Fell mitten in Wogen aus Wolle: Wie ein sicherer Fels in der Brandung ragt der wachsame Hund aus der Schafherde. Die Tiere akzeptieren den Patou oder Pyrenäenberghund als einen der ihren. ­Besonders in der Nacht ist sein Dienst anspruchsvoll, da die Herden dann immer wieder von Wölfen angegriffen werden. Bisher konnten er und zwölf weitere Hirtenhunde die Angreifer abwehren, doch die Müdigkeit macht sich langsam bemerkbar.

Die Aufnahme hält einen Moment auf der Alpweide oberhalb des Dorfs Argentière in Savoyen im Juli 2023 fest. Drei Schäfer und ihre Hunde führten 80 Schafe durch Wolfsterritorium, als Claire Galloni d’Istria, Anthropologin mit Abschluss des Hochschulinstituts für internationale Studien und Entwicklung, und ihr Sohn, der Fotograf Tristan de Soye, zu ihnen stiessen. «Ein Patou kann aggressiv sein, wenn er seine ­Arbeit als Wächter macht. Nicht sehr sympathisch», räumt die Forscherin ein. «Aber ich empfand so viel Empathie für ihn, als wir sahen, wie erschöpft er war und doch weiter nach Wölfen Ausschau hielt.»

«Der Wolf ist in Europa das ultimative Sinnbild für Wildnis.»Claire Galloni d’Istria

Galloni d’Istria befasst sich mit den sozialen, wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen der Wiederansiedlung von Wölfen im Wallis und im französischen Departement Haute-Savoie. Das Foto, das sie für den Wettbewerb für wissenschaftliche Bilder des SNF einreichte, ist Teil einer ethnografischen Arbeit im Rahmen ihrer Dissertation. «Der Wolf ist in Europa das ultimative Sinnbild für Wildnis. Er verkörpert eine ­bestimmte Sicht auf die Natur – und unsere eigene Wildheit», erklärt die Forscherin.

Sie weist auf die zwiespältigen Gefühle des Menschen gegenüber dem Tier hin. «Der Wolf hat eine Leitfunktion. Domestiziert ist er als Hund ein treuer Begleiter. Wir nehmen ihn gleichzeitig als Bedrohung wahr und wollen ihn schützen.» Die Widersprüchlichkeit zeigt sich deutlich auf Alpweiden, wo Hunde gegen ihre nächsten Verwandten eingesetzt werden. Das Bild lässt unschwer erkennen, wem die Loyalität des Patou gehört: seiner Adoptivfamilie.