Thema: Wissenschaftsjournalismus
«Kleine Medien werden aus Überzeugung unterstützt»
Das Magazin Scientific American wird seit 1845 publiziert. Im Jahr 2024 erreichte die Printversion 2,2 Millionen Lesende. Zeit für ein Gespräch mit dem neuen Chefredaktor David Ewalt.

David Ewalt findet, dass alle wichtigen Themen der Welt im Grundsatz wissenschaftliche Fragen sind und der Wissenschaftsjouranlismus deswegen essentiell bleibt. | Foto: Sara Merians Photography
David Ewalt, Sie sind seit Juni Chefredaktor bei Scientific American: Wie war Ihr Start?
Es läuft gut. Es ist eine wichtige Zeit, generell und für Scientific American. Wir feiern unser 180-jähriges Bestehen und bereiten uns auf die nächsten 180 Jahre vor. Auch denken wir viel nach: Wie verändern sich unsere Zielgruppen? Wie können wir unsere Publikation weiterentwickeln? Auf welche neuen Formate und Plattformen sollen wir setzen?
180 Jahre sind eine lange Zeit. Was ist das Erfolgsrezept von Scientific American?
Er gehörte zu den ersten Angeboten, wo sich Leute über aktuelle Entwicklungen in Wissenschaft, Technik und Innovation informieren konnten. Das war lange zentral. Scientific American gab es schon, bevor die USA ein Patentamt hatten und als die Industrialisierung gerade aufblühte. Die Zeitschrift hatte aber auch immer schon den Anspruch, Inhalte für Laien verständlich zu machen. Gleichzeitig wollten die Herausgeber, dass die Artikel für Forschende genügend fundiert und anspruchsvoll sind. Das ist eine Gratwanderung. Mit ein Grund für den noch heute andauernden Erfolg ist, dass alle wichtigen Themen der Welt im Grundsatz wissenschaftliche Fragen sind. Und die Leute sind sich dessen bewusst: Pandemien, der Klimawandel, wie KI die Welt verändern wird.
Hilft oder schadet die Wissenschaftsfeindlichkeit der aktuellen US-Regierung dem Wissenschaftsjournalismus und Scientific American?
Die Menschen sind besorgt über die Kürzung der Forschungsgelder und wollen für die Wissenschaft kämpfen. Eine Möglichkeit, dies zu tun, ist es, eine Wissenschaftszeitschrift zu abonnieren. Doch wenn ich sehe, was mit der Wissenschaftslandschaft gerade passiert, kann ich nicht sagen, dass dies gut für uns ist, denn es ist schlecht für die Wissenschaft.
Zeigt sich das bereits in Zahlen?
Noch nicht. Im Marketing experimentieren wir gerade mit einer sehr direkten Botschaft. Diese lautet: Wenn Sie uns unterstützen, unterstützen Sie die Wissenschaft. Ich sehe in der Medienwelt ganz klar, dass solche Appelle funktionieren. Das ist derzeit ein allgemeiner Trend: Die Leute unterstützen aus Überzeugung kleinere Medien.
Worüber sind Sie für Scientific American besonders beunruhigt?
Wie sich das Internet wandelt. Unser Publikum bestand zu einem Grossteil aus Personen, die sich über wissenschaftliche Fragen informieren wollten: Weshalb ist der Himmel blau? Wie viele Monde hat Saturn? Jetzt fragen sie entweder Chat-GPT, oder Google liefert eine KI-Zusammenfassung. Wir müssen neue Wege zur Leserschaft suchen.
Wie?
Ein Weg sind ganz kurze Videos. Auf Tiktok gibt es eine wirklich starke und lebendige Gemeinschaft von Enthusiasten und Influencerinnen für die Wissenschaft. Diese Plattform hilft, ein neues Publikum zu erreichen. In den USA kennen alle unsere Marke, aber nicht alle haben ein Abonnement. Die Herausforderung besteht darin, unsere Inhalte zu diesen Menschen zu bringen. Und dafür zu sorgen, dass sie zu uns zurückkommen wollen.
Wird es eines Tages keinen schriftlichen Journalismus mehr geben?
Nein. Aber er wird sich verändern. Die Zukunft gehört sorgfältig recherchierten, richtig gut geschriebenen Texten. Nur Menschen können bei Reportagen wirklich in die Tiefe gehen und kunstvoll Geschichten erzählen. Das werden Lesende weiterhin suchen: Diese Person mag ich wirklich, wie sie schreibt, ihre Stimme.
Was macht im Wissenschaftsjournalismus eine gute Geschichte aus?
Eine gute Erzählung und Stimmen von Personen. Informationen und Erklärungen allein genügen nicht. Wir müssen zeigen, dass Forschung den Alltag prägt. Hier liegt der Unterschied zum akademischen Schreiben.
Steckt er international in der Krise?
Es gibt rund um den Globus eine laute Gemeinschaft, die Fakten anzweifelt. Sie hat ganze Verschwörungstheorien über Wissenschaft. Das macht die Arbeit für uns vielleicht schwieriger als für andere Medien. Aber es gibt auch Misstrauen gegenüber Journalismus allgemein, von dem alle Medien betroffen sind.
Wissenschaftsjournalismus erfährt doppeltes Misstrauen.
Wenn Sie in den USA Leute fragen, was sie mit Scientific American verbinden, dann taucht ein Begriff immer wieder auf: vertrauenswürdig. Unsere Leserschaft scheint zu verstehen, dass wir sehr viel Wert auf Qualität legen. Wir haben also Glück. Das liegt auch daran, dass wir 180 Jahre lang gute Arbeit geleistet haben. Dieses Prinzip müssen wir hochhalten, dafür müssen wir hart arbeiten.
Welche Themen erhalten derzeit zu wenig Aufmerksamkeit?
Ich habe früher für Zeitschriften wie das Wall Street Journal und Forbes gearbeitet. Viele Medienschaffende im Wissenschaftsbereich verfolgen zu wenig, was sich in der Wirtschaftswelt abspielt. Dabei ist das sehr wichtig, gerade jetzt mit den Kürzungen der Forschungsbudgets durch die US-Regierung, aber auch in anderen Ländern. Wenn weniger öffentliche Gelder zur Verfügung stehen, muss die Wissenschaft vermehrt Mittel aus dem Privatsektor gewinnen.
Welche wichtigen Entwicklungen haben Sie in den letzten Jahrzehnten im Wissenschaftsjournalismus beobachtet?
Das Internet bringt in allen Medien den Druck, Inhalte zu produzieren, die Klicks generieren. Dies wiederum schürt viele Instinkte, die nicht unbedingt im besten Interesse des Journalismus sind. Für den Wissenschaftsjournalismus ist es besonders schwierig, weil sich viele essenzielle Dinge nicht in einen unterhaltsamen Titel packen lassen. Ein weiteres grosses Problem ist: Der Klimawandel gehört sicher zu den wichtigsten Themen des 21. Jahrhunderts. Aber das Publikum will nicht immer wieder dieselbe Geschichte lesen. In den vergangenen Jahrzehnten war es eine ständige Herausforderung, trotzdem darüber zu berichten. Aber ich denke, wir werden darin immer besser.
Brauchen wir dafür noch gedruckte Publikationen?
Untersuchungen haben gezeigt, dass das Lesen auf Papier besser für die Verarbeitung von Informationen ist. Menschen greifen auch zu Printmedien, weil sie dabei nicht abgelenkt werden. Das gedruckte Magazin piept nicht und lenkt die Aufmerksamkeit nicht auf anderes. Viele Menschen sehen Printzeitschriften auch als etwas Exklusiveres und schätzen das.