Poesie, Krimi oder Tagebuch: Wissenschaft muss nicht immer sachlich sein. Horizonte hat für Sie die neuesten Schweizer Bücher mit Forschenden als Autoren oder Protagonisten rezensiert. In der Auswahl aus Laborgeschichten, Romanen von klugen Köpfen und lockerem Comic gibt es für alle eine gute Ferienunterhaltung.
Festhalten und immer schön die Augen auf den Horizont richten – bei der Lektüre dieses Buchs kann einem sonst leicht schwindlig werden. Wild wie die Wellen des Meeres schaukelt es stetig vor und zurück, vor und zurück.
Im Mittelpunkt steht die Protagonistin Ava Garcia; eine rätselhafte junge Frau, mehr den Vögeln als den Menschen zugetan. Ihre Geschichte bewegt sich auf einem Erzählstrang vorwärts: Ava flüchtet vor ihrem Leben und vor ihrem Paul auf eine abgelegene Forschungsstation in Schottland. Sie findet sich neu in der kargen Umgebung zurecht; sie forscht, sie wandert, sie hat eine Affäre. In dazwischengeschobenen Kapiteln wird ihr Leben rückwärts erzählt; bis zu einem prägenden Kindheitstrauma, das sogar ihre Augen aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Eines ist «stockentengrün» geblieben, das andere Auge ist ergraut.
Es ist bereits das vierte Buch der erst 29-jährigen Autorin und Naturwissenschaftlerin Anna Bischofberger alias Anna Stern. Sie wagt so einiges; wirbelt die Leser nicht nur chronologisch herum, sondern auch sprachlich. Rhythmus und Stil ändern immer wieder die Richtung. Passagenweise dokumentiert sie Tagesabläufe fast protokollarisch, reiht nüchtern Hauptsatz an Hauptsatz, wiederholt und wiederholt. Dann presst sie gleich mehrere Metaphern in einen Satz, werden Fenster zu «Leerstellen, Löchern in der Nacht», ziehen sich Sterne «wie die Fussabdrücke eines Wasserläufers über den Himmel». Dazu ergänzt sie den Text mit Fotos, handschriftlichen Notizen, englischen Liedzeilen.
Der Roman hat eigentlich von allem zu viel – Nebenfiguren, Details, Seiten. Trotzdem entwickelt er gerade dank seiner Eigenwilligkeit einen eigentümlichen Sog. Wie das Meer. sp
Wie entsteht in einer vollständig von Eis bedeckten Welt ein imaginäres Unterseeboot, das nicht nur in die Tiefen der Ozeane gleitet, sondern auch die Erdkruste durchsticht und durch den Weltraum flitzt? Vor allem in den Gedanken des Künstlers und Bildhauers François Burland, der 2010 in Bordeaux eine neue Nautilus schafft: eine Tonne schwer, 18 Meter lang, mit einer silberfarbenen Blechhülle.
Acht Jahre später erhält dieses U-Boot mit Atomik Submarine von André Ourednik ein literarisches Gesicht. Die weltfremde Reise mit schrägen Abenteuern in einer ausgefallenen Sprache weckt anarchistischfuturistische Assoziationen. Ins Bild passen da auch die surrealen Collagen von Burland, die dieses gelungene Werk im Grossformat illustrieren: Raketen, Zeppeline, Taucher und ein amputierter Eiffelturm.
Diese «Utopie-Arche» erzählt uns ihre eigene Odyssee und leiht sich dazu die vereisten Stimmen und Worte der «mužiks»- Passagiere, die von drei prometheischen Verrückten aus dem originellen Chaos gerettet werden. Zahlreiche weitere Welten auferstehen in diesem Bericht, der mit Anspielungen gespickt ist: Gilgamesch, Jonas, Tinguely, Moby Dick, Nietzsche und nicht zuletzt die sowjetische Superheldin Oktobriana.
Gelingt es dieser neuen Arche Noah, eine radikal andere Realität zum Leben zu erwecken? Ist das Zusammenspiel aller denkbaren technischen, poetischen und literarischen Virtualitäten möglich, ohne die eigene Absurdität auszuschliessen? Denn offensichtlich steht dieses subversive U-Boot selber lediglich als Metapher für das gesamte Werk, das mit der Mission ausläuft, all unsere festen Vorstellungen zu torpedieren und davon nur noch Schall und Rauch übrig zu lassen. Ein Buch für Forschende mit wahrhaft experimentierfreudiger Seele. jfd
Hier muss die Rezensentin selbst zur Dichterin werden. Zumindest verdichtet sagen, was den Lyriker ausmacht: Thilo Krause, Ingenieur und Ökonom, bis 2015 Forscher an der ETH, schreibt, als würde man träumen. Szenen fliegen heran, schweben vorüber, verschwinden am Horizont. Gefühle tauchen auf, kräuseln die Oberfläche, schwimmen davon. Wasser fliesst bei Krause, der in der Elbestadt Dresden aufgewachsen ist und heute in Zürich lebt, unablässig durch die Gedankenbilder. Ohne Regen, Fluss und Meer wäre Was wir reden, wenn es gewittert ohne Seele. Um sie herum schäumen die Stadt und das Land, der erwachsene Geist und das spielende Kind. Wer moderne Lyrik mag, für den wird der dritte Gedichtband Krauses zur Fähre, die den Sommer in geduldigem Gleiten von diesiger Realität zur Klarheit magischer Momente trägt. jh
Die Entdeckung des Genetikers Daniel Fox ist höchst brisant: Er hat eine DNA-Sequenz gefunden, die den Menschen von allen anderen Lebewesen unterscheidet. Die Entdeckung trägt ihm den Nobelpreis ein, aber auch die Aufmerksamkeit der Pharmaindustrie, welche aus der Sequenz Profit schlagen möchte. Der Forscher fordert ein Moratorium der Gentechnik beim Menschen – und gerät ins Visier einer mysteriösen Organisation.
Stefan Catsicas, der Autor des Thrillers La Séquence, forschte als Professor im Bereich Zellkulturen an der EPFL und war Manager bei Nestlé. In seinem ersten Roman mischt er Wissenschaft, Mythologie und Spiritualität und wagt sich an die grossen Fragen: den Ursprung der Menschheit, die Rolle von Vererbung und Umwelt, den Übergang zum Monotheismus. Seine Hypothese: Unsere Gene beeinflussen auch unsere religiösen Einstellungen. Das Buch wagt Science-Fiction, lässt sich von etablierten Theorien manchmal leiten, manchmal nur inspirieren. Ein rasanter Abenteuerroman, der ohne stilistische Schnörkel auskommt. zs
Hat er oder hat er nicht? Schreibt ein Sohn von Analphabeten 37 Dramen, die zu den wichtigsten der englischen Sprache zählen? Oder hat ein Adeliger seine Theaterstücke unter dem Pseudonym Shakespeare veröffentlicht? Eine wissenschaftliche Debatte um diese Urheberschaft hat Ashley Curtis, ein Schweizer Autor mit amerikanischen Wurzeln, in einen 431 Seiten starken Krimi geflochten. Wissenschaftler treffen sich in Stratford-upon-Avon (UK) für einen Kongress zur Urheberschaft der Werke Shakespeares. Während der Macbeth-Aufführung stirbt Professor Thompson an einem Herzinfarkt. Zur gleichen Zeit wird aus dem Hotelzimmer des 70-Jährigen ein Skript gestohlen. Thompson wollte die Debatte mit neuen Erkenntnissen aufmischen. «Akademiker bringen sich wegen ihrer kleinen Querelen nicht gegenseitig um», sagt Detektiv Stokes, der den Fall recherchiert. Eine Wasserleiche treibt im Avon, eine Professorin wird beinahe erwürgt. Das Rätsel könnte ein Buch aus dem Jahr 1605 lösen: Aber wer kann es entziffern?
Autor Curtis’ Romanfiguren stammen aus einer etwas weltfremden Geisteswissenschaft. Er versteht jedoch britischen Humor, und Spannung ist garantiert. fs
Zep löst sich immer mehr von seiner kindlichen Comicfigur Titeuf. Nach den beiden Titeln Une histoire d’hommes und Un bruit étrange et beau erzählt der Genfer Comiczeichner nun mit The End einen ökologischen Thriller. Inspiriert wird die Handlung überraschenderweise von wissenschaftlichen Phänomenen wie der Beobachtung, dass Pflanzen ihre chemische Zusammensetzung modifizieren können, damit sie Gefahren wie Feuer oder überhandnehmende Säugetiere überleben. Die Akazie produziert Toxine, um sich gegen den Verzehr ihrer Blätter durch Antilopen zu wehren.
Auf dieser zuweilen bestrittenen «pflanzlichen Intelligenz» – namentlich durch den Biologen Francis Hallé, der Zep als Modell dient – wird eine symbolträchtige Erzählung aufgebaut, in der Botaniker mit einer durch Bäume inszenierten Apokalypse konfrontiert sind. Eine grafisch überzeugende Warnung, untermalt vom gleichnamigen Song von The Doors. bs
Der gefeierte Hirnforscher Frank Stern wurde angegriffen und liegt im Koma. Haben ihn radikale Tierschützer wegen seiner Affenversuche bestraft? Oder war es die hochintelligente und aufbrausende Tina Benz aus seinem Institut? Die Doktorandin und der Professor haben auch privat eine Beziehung. Noch während der Ermittlungen heckt sie mit Frank, der wegen seines Locked-in-Syndroms nur noch mit Augenzwinkern kommunizieren kann, einen Plan aus.
In Zweimaltot verwebt Beat Glogger Persönlichkeiten, radikalen Tierschutz und gruselige Science-Fiction zu einer packenden Geschichte. Einziger Makel seines neusten Buches: Der Wissenschaftsjournalist versucht immer wieder Fakten zu vermitteln. Besonders in den Selbstgesprächen von Tina wirkt das unnatürlich. Zum Beispiel, wenn sie sich fragt, ob Frank trotz Lähmung an seine Arme und Beine denken kann: «Selbst nach einer Amputation empfinden die Patienten Schmerzen in den Gliedmassen, die sie gar nicht mehr haben. Phantomschmerz nennt man das.» ff
Science-Fiction war stets bestrebt, die dunklen Seiten unserer Utopien zu enthüllen. Diese Sammlung von Erzählungen tastet sich in schwindelerregende Entwicklungen der digitalen Technologien vor. Das Trugbild der Unsterblichkeit durch das Heraufladen von Bewusstsein auf Datenträger taucht immer wieder auf. «Was wäre, wenn die Menschheit digital würde?», war die Frage der ersten Ausgabe des Prix de l’Ailleurs. Rund hundert Autoren haben sich der Herausforderung gestellt. Bei der Lektüre des Bandes sind zehn ausgewählte Kurzgeschichten zu entdecken, darunter die vier Gewinnertexte. Das Ergebnis ist eine kaleidoskopische Sicht, mal trocken, mal ironisch oder melancholisch.
Eine Aufgabe der Fiktion ist erfüllt: das Ungedachte zu denken, unsere gebeutelte Menschheit zu bewahren und dem Irrationalen von neuem Platz einzuräumen. jb
Vor bunten Marktständen, Flüchtlingskindern und verschleierten Frauen kommt der Plot in Gang: Verlobter Religionslehrer aus dem Engadin arbeitet in Istanbul über einen mittelalterlichen Philosophen, der sich tolerant mit dem Islam beschäftigte, verliebt sich aber unverhofft in einen türkischen Kellner, der in Deutschland aufgewachsen ist. Bevor die beiden sich im Hotelbett finden, parlieren sie in bester humanistischer Manier über Religionen, Literaturen und die wechselvolle Geschichte der multikulturellen Stadt. Angelika Overath erzählt in Ein Winter in Istanbul gut informiert und poetisch. Den Nachgeschmack spült kein Raki weg: Der Roman ist die Kulisse, um politisch aktuelle Themen abzuhandeln. uh
«Geister und Melancholie gehören untrennbar zusammen », schreibt Daniel Sangsue. Der Literaturprofessor durchzieht sein Journal mit subtilen Reflexionen zur Modernität, die Jubel und Nostalgie verbinden. Er erfreut sich der zahlreichen Zufälle, die seinen Weg säumen, stützt sich auf die Pokémon, verkündet, dass «Geister Teil der Augmented Reality sind» und erklärt, dass zum immateriellen Kulturerbe der Unesco auch eine geisterhafte Anhalterin gehören könnte, die im Belchentunnel zwischen Basel und Solothurn spukt.
Der Autor äussert sich besorgt über eine Gesellschaft, die «das Übernatürliche nicht mehr ernst nimmt», oder dass die von ihm geliebten Buchhändler durch «geisterhafte» virtuelle Läden verdrängt werden. Die für Daniel Sangsues Arbeiten essenzielle «Slow Science» werde durch das Diktat der modernen Forschung bedroht: Planung, Zusammenarbeit und Produktivität. Er präsentiert moderne Formen des Spiritismus im 21. Jahrhundert und weigert sich, eine Welt verschwinden zu sehen, die das Übersinnliche, Unerklärliche, den Glauben und die Intuition nicht nur toleriert, sondern kultiviert. ds