Fake news: «Tatort» im Tulpenland
Die Kamera schweift über die malerische Prinsengracht in Amsterdam, aber das Grauen ist gleich um die Ecke: Aus der Bouwersgracht wird die aufgedunsene Leiche eines jungen Mannes geborgen. Der Tote ist ein russischer Krebsforscher, der auf einer Internet-Plattform Millionen wissenschaftliche Artikel frei zugänglich und sich damit strafbar gemacht hat. In seiner Tasche hat er die Taxiquittung einer Fahrt zum Sonarweg 31, zum Hauptsitz des Greed-Elsegier-Konzerns, des mächtigsten Wissenschaftsverlags der Welt. Wenige Tage später wird dessen CEO tot im Bürostuhl aufgefunden. Mit dem spannenden Plot illustriert diese Folge der erfolgreichen Krimireihe realitätsnah den skandalösen Monopolmissbrauch der Wissenschaftsverlage. Deren Geschäftsmodell ist genial: Sie privatisieren den mit Steuergeldern finanzierten Wissensgewinn. Die Verlage publizieren die Resultate der Forschung in Zeitschriften, die wiederum von den Universitäten für teures Geld – wieder Steuergeld – abonniert werden müssen. Der Markt wird von wenigen Verlagen beherrscht, die ihre Macht rücksichtslos ausnutzen: Mit steigenden Preisen haben sie längst Renditen von über 30 Prozent erreicht. Der Lohn des CEO von Reed Elsevier 2015 betrug 16 Millionen Pfund. Diese «Tatort»-Folge muss erst noch gedreht werden. Das wäre eine gute Sache: Dann würden auch Öffentlichkeit und Politik für die Wichtigkeit der Open-Access-Bewegung sensibilisiert. Diese will verhindern, dass die Allgemeinheit das akademische Wissen erneut von den Verlagen zurückkaufen muss. Aber wir werden nicht auf diesen «Tatort» warten. Wir haben die Macht, die Spielregeln zu ändern. Wir müssen endlich aufhören, dieses viel zu profitable Business mit öffentlichen Geldern zu alimentieren. Matthias Egger ist seit Januar 2017 Präsident des Nationalen Forschungsrates. CC BY-NC-NDLesen Sie auchWie sich Wissenschaftler im Fake-News-Lärm Gehör verschaffen können 5. Juni 2018 Wenn Forschende vor Gericht antraben müssen 29. November 2017 Der Reiz der Waffe 13. Juni 2016 Sind parodistische Fakes mit wissenschaftlichem Inhalt gefährlich? 1. Dezember 2022 Sollen akademische Institutionen zur Nutzung von Sci-Hub raten? 30. Mai 2024

Bild: Manu Friederich
Die Kamera schweift über die malerische Prinsengracht in Amsterdam, aber das Grauen ist gleich um die Ecke: Aus der Bouwersgracht wird die aufgedunsene Leiche eines jungen Mannes geborgen. Der Tote ist ein russischer Krebsforscher, der auf einer Internet-Plattform Millionen wissenschaftliche Artikel frei zugänglich und sich damit strafbar gemacht hat. In seiner Tasche hat er die Taxiquittung einer Fahrt zum Sonarweg 31, zum Hauptsitz des Greed-Elsegier-Konzerns, des mächtigsten Wissenschaftsverlags der Welt. Wenige Tage später wird dessen CEO tot im Bürostuhl aufgefunden.
Mit dem spannenden Plot illustriert diese Folge der erfolgreichen Krimireihe realitätsnah den skandalösen Monopolmissbrauch der Wissenschaftsverlage. Deren Geschäftsmodell ist genial: Sie privatisieren den mit Steuergeldern finanzierten Wissensgewinn. Die Verlage publizieren die Resultate der Forschung in Zeitschriften, die wiederum von den Universitäten für teures Geld – wieder Steuergeld – abonniert werden müssen. Der Markt wird von wenigen Verlagen beherrscht, die ihre Macht rücksichtslos ausnutzen: Mit steigenden Preisen haben sie längst Renditen von über 30 Prozent erreicht. Der Lohn des CEO von Reed Elsevier 2015 betrug 16 Millionen Pfund.
Diese «Tatort»-Folge muss erst noch gedreht werden. Das wäre eine gute Sache: Dann würden auch Öffentlichkeit und Politik für die Wichtigkeit der Open-Access-Bewegung sensibilisiert. Diese will verhindern, dass die Allgemeinheit das akademische Wissen erneut von den Verlagen zurückkaufen muss.
Aber wir werden nicht auf diesen «Tatort» warten. Wir haben die Macht, die Spielregeln zu ändern. Wir müssen endlich aufhören, dieses viel zu profitable Business mit öffentlichen Geldern zu alimentieren.
Matthias Egger ist seit Januar 2017 Präsident des Nationalen Forschungsrates.




