Wahre Freiheit ist harte Arbeit
Wie alle grundlegenden Konzepte wird auch die akademische Freiheit immer wieder in Frage gestellt, beobachtet Laura Bernardi.

Laura Bernardi ist Vizepräsidentin des Nationalen Forschungsrates des SNF. | Foto: Université de Lausanne
Aldo Moro, Parteivorsitzender der christdemokratischen Partei im Italien der 1970er-Jahre, ist in Erinnerung geblieben, weil er in einer düsteren Ära des Landes ermordet wurde. Weniger bekannt ist, dass ihn seine Studierenden als herausragenden Strafrechtsprofessor schätzten. Er ermunterte sie zu einem Dialog, wenn sie gegensätzliche politische Ansichten hatten. Dabei sollten sie Argumente analysieren, Fakten abwägen und Fehlinterpretationen erkennen. Diese Fähigkeiten bilden das Fundament der akademischen Freiheit, die ein hohes Gut ist und mit Pflichten einhergeht.
Der Academic Freedom Index 2023 zeigt, dass sie ein Luxus von Demokratien ist. Demnach lebt nur jede dritte Person in einem Land mit einem akzeptablen Mass an akademischer Freiheit, wobei auch innerhalb Europas beträchtliche Unterschiede bestehen. Die Schweiz schneidet übrigens schlechter ab als ihre Nachbarländer Italien, Frankreich und Deutschland und erreicht ein ähnliches Ergebnis wie etwa die Niederlande und das Vereinigte Königreich.
Weshalb macht das jahrhundertealte Konzept heute noch Schlagzeilen? Vielleicht weil es wie alle grundlegenden Konzepte ständig in Frage gestellt wird. Nur in einem Umfeld mit akademischer Freiheit aber können wir unbequeme Wahrheiten erforschen, Konventionen hinterfragen, Wissensgrenzen überwinden. Forschung, Lehre und öffentliche Debatten ohne akademische Freiheit münden zwingend in Konformismus und Stagnation. Auch Finanzierungsvorgaben, politischer Druck und irreführende Informationen bedrängen die akademische Freiheit, denn wissenschaftliche Fortschritte werden in ihrem Rahmen oft nur als wertvoll akzeptiert, wenn sie eine unmittelbare Anwendung haben. Sie können die Wissenschaftsfreiheit auch indirekt gefährden, wenn institutionelle Reformen den Spielraum für unterschiedliche Stimmen beschneiden. Zu starke Richtungsvorgaben in der Forschung sind dem Wissensgewinn nicht förderlich.
Wie jedes Privileg bringt auch die akademische Freiheit Pflichten mit sich. Etwa für die Werte einzustehen, die Moro lehrte: Dialog, solide Argumente und das Bewusstsein für die Gefahr verzerrter Interpretation. Wissenschaft soll Ideen respektvoll und fundiert präsentieren, offen für Kritik und Anpassungen sein und Vorstellungen revidieren, wenn die Fakten dagegensprechen. Oder mit den Worten von Aldo Moro, der danach strebte, Freiheit und ihre Verantwortung in Einklang zu bringen: «Wahre Freiheit muss man sich mühsam erarbeiten, überall lauern Fallstricke.»